Frauen sind Opfer, Männer sind Täter

in Dies & Das

Ihr müsst mir bitte glauben, ich wollte das nicht. Ich wollte es wirklich nicht! Und ich entschuldige mich in aller Form dafür. Aber es gab einfach keinen anderen Weg mehr. Ich hoffe sehr, ihr versteht das.

Am Dienstag, dem 24. März, ist in Südfrankreich ein Flugzeug der Germanwings Airline abgestürzt, 150 Menschen verlieren ihr Leben. Wie es inzwischen aussieht, soll der Co-Pilot die Maschine absichtlich zum Absturz gebracht haben – ein Selbstmord, mit fatalem Ausmaß.

Soweit die Faktenlage, die inzwischen wahrscheinlich jeder kennt. Was folgte, war einerseits vorauszusehen und andererseits auch der Grund, warum ich darüber kein Wort verlieren wollte. Die Medien stürzten sich auf den Fall, berichteten im Minutentakt. Es gab und gibt Brennpunkte, Sondersendungen, Live-Ticker. Wer das möchte, kann sekündlich neue unvorstellbare Details der Katastrophe erfahren. Alle anderen übrigens auch, denn das Thema ist so omnipräsent wie das Higgs-Boson.

Und wie so oft und mittlerweile üblich, übertrifft sich die Sensationsgeilheit der einzelnen Berichterstatter immer wieder selbst. Der Spiegel Online mutiert zu einer eigens für dieses Thema eingerichteten Nachrichtenzentrale und jegliche journalistischen wie auch humanitären Werte und Regeln werden über Board geworfen. Mittlerweile sind der volle Name des Co-Piloten, die Anschrift und Bilder des Hauses seiner Eltern, seine Krankenakte, seine Personalakte wie auch psychologische Gutachten veröffentlicht. Ist ja auch wichtig, dass die Allgemeinheit sämtliche Details über dieses Monster, dieses kranke, bestialische Monster, dass den Begriff „Mensch“ gar nicht verdient hat, erfährt.

Ich möchte an dieser Stelle keine Wertung abgeben über das, was er da getan hat. Es steht mir nicht zu, genauso wenig wie jedem anderen da draußen. Wir können es verachtenswert finden, so viele Menschen oder auch nur einen einzigen mit in den Tod zu reißen und wir können erschüttert sein darüber, was wohl in einem Menschen geschehen muss, um so etwas zu tun. Das war es dann aber auch.

Bei all dem öffentlichen Mitgefühl mit den Opfern, vergisst man nur zu leicht, dass auch der Co-Pilot eine Familie hatte. Eltern, Freunde, Bekannte. Da gibt es auch Menschen, die jetzt Hilfe brauchen, die Trauern und die sich diese Fragen stellen. An all jene Leute, die bei diesem Unglück – und das ist es – liebe Menschen verloren haben: Ihr habt mein aufrichtiges Mitgefühl. Ich kann und will mir nicht vorstellen, was ihr jetzt durchmachen müsst.

Tatsächlich möchte ich aber auf etwas anderes hinaus. Es war absolut absehbar, dass dieses Thema ausgekatscht wird, sei es nun von den bestürzten Medien, von schockierten Politikern, oder auch von nicht ernstzunehmenden Randgruppen, wie meinen Lieblingseierköpfen auf den Montagsspaziergängen. Aus Lutz‘ brauner Wandertruppe wurden auf Facebook und Co. ganz schnell Stimmen laut, der Co-Pilot wäre türkischer oder syrischer Abstammung. Andere machten Islamisten für die Tat verantwortlich, schließlich wurden erst nach den Anschlägen des 11. Septembers diese Hochsicherheitstüren in Flugzeugen eingeführt, die es erlaubten, den Piloten und damit jede Hilfe auszusperren.

All das war vorhersehbar und sollte auch nicht mit mehr als einem mitleidigen Blick beachtet werden. Doch ein Artikel hat mich wirklich etwas aus der Bahn geworfen, denn der kam aus einer Richtung, von der ich so etwas wirklich nicht erwartet hätte. Die Webseite der EMMA, ein Frauenmagazin unter der Regie von Alice Schwarzer, veröffentlichte drei Tage nach dem Absturz einen Artikel unter dem Titel „Frauenquote fürs Cockpit!“, den ich euch wirklich sehr ans Herz legen möchte.

Der Text beginnt so:

Amoktrips sind Männersache. Und die Lufthansa hat 94 Prozent männliche Piloten. Das sollte sie ändern, meint Luise Pusch. 14 der 16 im Airbus zerschellten „Schüler“ sind Schülerinnen und die zwei „Lehrer“ sind Lehrerinnen. Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich.

Liebe Frauen, vor allem liebe Luise Pusch,

Von der Forderung einer Frauenquote im Cockpit und der generellen Frage, ob so etwas wie eine Frauenquote tatsächlich sinnvoll oder, wie ich finde, sogar noch frauenverachtender ist, schließlich werden diese Frauen noch immer nicht aufgrund Ihrer Leistung eingestellt, sondern weil es eine Quote verlangt – wer einmal im Kindergarten miterlebt hat, wie Kinder gezwungen werden, ein anderes Kind mit ins Spiel einzubeziehen, weiß was ich meine – einmal ganz abgesehen, wie könnt ihr es nur wagen, diese Tragödie für so eine Diskussion zu missbrauchen?

Welche Rolle spielt, angesichts der hohen Anzahl der verlorenen Leben, die Frage nach den Geschlechtern? Inwieweit ist es wichtig, ob es sich bei den Schülern (kategorischer Begriff) um Schüler (Jungen) oder Schülerinnen (Mädchen) handelt? Ist es weniger schade um die Jungen, als um die Mädchen? Der Argumentation des Artikels folgend, in gewisser Weise tatsächlich, bestand schließlich die Möglichkeit, dass einer der beiden Jungen einmal Pilot – und damit ein potenzieller Attentäter – hätte werden wollen. Das ist nicht nur eine unethische sondern vor allem auch eine menschenverachtende Ansicht.

Auch die vorgenommene Generalisierung ist mehr als fragwürdig: „Die Opfer sind überwiegend Frauen, die Täter sind männlich.“

Was ihr da macht ist eine Verallgemeinerte Kausalität – der Großteil aller Piloten sind Männer, damit sind alle Täter (in diesem Szenario) Männer – die in der allgemeinen Form aber schlicht falsch ist. Es gibt keinen Grund und noch nicht einmal einen Hinweis, dass jeder Mann in irgend einer kriminellen Weise zum Täter wird, genau wie es keine Regeln oder Gene gibt, die Frauen die Täterschaft verbieten.

Außerdem: Natürlich ist es richtig, dass es auch mehr Pilotinnen geben sollte, keine Frage. Aber der Umkehrschluss, dass mit mehr Pilotinnen auch weniger Abstürze passieren sollen, erschließt sich mir nicht. Machen Frauen keine Fehler? Können Frauen nicht verzweifelt oder psychisch labil sein? Kann eine Frau nicht durchdrehen und so eine Tat begehen? Was schützt sie denn davor? Bullshit.

Ich finde, hier muss eine ganz klare Entschuldigung her. Feminismus in allen Ehren, meinetwegen auch dieser Kampf-Feminismus, aber dieser Artikel geht ganz klar zu weit.

Frank arbeitet als Frontend Web Entwickler in einem Startup und interessiert sich für alles, was mit Technik zutun hat. Design und Kochen sind weitere Leidenschaften. Das alles in Worte zu fassen, dazu braucht es eine Plattform. Willkommen auf SchiefGedacht!

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